Wiedervereinigung: Ein Italiener ist schuld!

Die vorzeitige Grenzöffnung, die letztendlich zur Wiedervereinigung führte, beruhte auf zwei historischen Missverständnissen …

 

Missverständnis 1: Ein Italiener ist schuld!


Ostberlin, Pressekonferenzraum der DDR-Volkskammer
Freitag, 9. November 1989
18:57 Uhr


Kurz vor dem Ende einer internationalen Pressekonferenz, die live im DDR-Fernsehen und im Radio übertragen wird, verkündet Günter Schabowski, Erster Sekretär der Bezirksleitung der SED von Ost-Berlin, eine neue Reiseregelung, die von je zwei hohen Offizieren des Innenministeriums und des Ministeriums für Staatssicherheit formuliert worden ist:
„Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch die Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen (…) Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu West-Berlin erfolgen.“
Der italienische Journalist Riccardo Ehrman meldet sich zu Wort, weil ihm der Zeitpunkt, wann diese Regelung in Kraft treten wird, nicht klar ist und fragt: „Ab wann gilt diese neue Regelung?“
Schabowski antwortet sichtlich unsicher und stockend: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“
Schabowski irrt sich, denn die Reiseregelung sollte eigentlich erst am folgenden Tag um 4 Uhr früh veröffentlicht werden.

Aber da er dies jetzt bereits live im Fernsehen und Radio verkündet hat, führt seine Ankündigung noch am selben Abend zur Maueröffnung: Tausende Ostberliner ziehen zu den Grenzübergangsstellen und verlangen Durchgang in den Westen.

 

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Missverständnis 2: Handeln ohne Befehle


Ostberlin, Grenzübergang Bornholmer Straße
21:30 Uhr


Hunderte von Menschen drängen sich an dem Grenzübergang und fordern die Grenzschützer ungeduldig auf, sofort das Tor zu öffnen. „Schabowski hat das im Fernsehen gesagt“, schreien manche fast verzweifelt. „Schabowski hat es gesagt!“; „Aufmachen!“ schallt es von überall her, „Los, öffnet endlich das Tor!“
Die diensthabenden Offiziere der Passkontrolleinheit (PKE, Staatssicherheit, Hauptabteilung VI) und der Grenztruppen der DDR sind verunsichert. Was sollen sie tun? Schließlich hat der Berliner SED-Bezirkssekretär dies tatsächlich im Radio verkündet, sie haben das selbst ungläubig gehört, aber von ihren Vorgesetzten liegen noch keinerlei Weisungen vor.
Die Tumulte und Rufe der Menschenmenge werden immer lauter und drängender. Der Siedepunkt rückt näher. Schließlich kommen die Offiziere der Aufforderung nach, ohne einen Befehl dafür erhalten zu haben.

Damit lösen sie wohl unbewusst eine Kettenreaktion an allen Grenzübergängen in und um Berlin aus. Jetzt gibt es kein Halten mehr, die ersten Menschen stürmen freudig in den Westen und können es noch gar nicht fassen.


Berlin, Brandenburger Tor
23:59 Uhr


Jetzt wird auch die Mauer rund um das Brandenburger Tor gestürmt. Wildfremde Menschen fallen sich strahlend vor Glück in die Arme und feiern stundenlang. Die Mauer, der „antifaschistische Schutzwall“, ist nach 28 Jahren gefallen!

Die vorzeitige Grenzöffnung, die Vorgeschichte zur Wiedervereinigung,  ist also zwei Missverständnissen zu verdanken: Schabowski, der sich auf die kühne Nachfrage eines italienischen Journalisten aus dem Konzept bringen liess und sich im Tag geirrt hatte und die Grenzoffiziere in der Bornholmer Straße, die ohne Befehl den Übergang öffneten.

 

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Quellen:
Hans-Hermann Hertle: Chronik des Mauerfalls, Berlin 2006, S. 91, 123, 145
http://www.chronik-der-wende.de/tvchronik_jsp/key=tvc9.11.1989.html

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