Wie ein Ex-Bundespräsident die Mitschuld seines Vaters im 3. Reich verteidigte

NS-Verbrechen sind unentschuldbar. Oder doch, wenn es um den Vater eines Ex-Bundespräsidenten geht? Gibt es zweierlei Maßstäbe?

 

Keine Ausreden!

In Deutschland gibt es normalerweise keine »Ausreden« für Personen, die eine Mitverantwortung an NS-Verbrechen getragen haben. Jeglicher Ansatz wird zugleich mit medialer und gesellschaftlicher Ächtung geahndet.

Ich erinnere:

Das schien aber nicht für die zu gelten, die ehemals hohe politische Ämter innehatten, ja sogar einmal Bundespräsident gewesen sind, denn Richard von Weizsäcker verteidigte die mehr als zweifelhafte Rolle seines Vaters während des Dritten Reiches schon vor Jahren im SPIEGEL gegen jegliche Vorwürfe.

» … Hitler von Anfang bis Ende gedient …«

Doch zunächst möchte ich kurz erläutern, wer der Vater unseres ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1920-2015) überhaupt war:

Ernst Heinrich Freiherr von Weizsäcker (1882-1951) war deutscher Diplomat, SS-Brigadeführer und Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und demnach zweiter Mann nach Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop.

  • Am 1. April 1938 trat er der NSDAP mit der PG-Nr. 4.814.617 bei.
  • Am 20. April 1938 wurde er als SS-Mann Nr. 293.291 zum SS-Oberführer befördert und dem persönlichen Stab Heinrich Himmlers zugeteilt.
  • 1942 erhielt er von Himmler den SS-Ehrendegen und den SS-Totenkopfring verliehen.[1] Ernst von Weizsäcker hatte Hitler also von Anfang bis Ende gedient.

Der Diktator VOR Hitler

»Vollkommene Unwissenheit und virtuelle Unschuld«

Die Alliierten stellten Ernst von Weizsäcker 1949 wegen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« vor Gericht:

Er hatte Deportationsbefehle für französische Juden in das Konzentrationslager Auschwitz abgezeichnet.[2]

Sein Sohn Richard von Weizsäcker und unser späterer Bundespräsident (1984-1994) trat in dem Prozess als Hilfsverteidiger seines Vaters auf (»aus tiefer innerer Überzeugung«)[3]und plädierte groteskerweise mit vollkommener Unwissenheit und virtueller Unschuld seines Vaters.

Auschwitz hatte nichts »Besonderes« bedeutet

Weiter verteidigte er sich vor Gericht, dass die infrage kommenden Juden seien, schon interniert und deshalb in Gefahr gewesen. Deshalb hätte man zu dem Schluss kommen können, dass sie bei der Deportation nach dem Osten weniger Gefahr laufen würden als an ihrem jetzigen Aufenthaltsort, denn zu jener Zeit habe der Name »Auschwitz« für niemanden etwas Besonderes bedeutet – und das, obwohl das Lager bereits ein Jahr zuvor als »Arbeits- und Vernichtungslager« erbaut worden war.

Die Richter bezweifelten diese naive Darstellung. Zwar behaupteten die meisten Mitarbeiter des Auswärtigen Amts (AA) von den Todeslagern erst nach dem Krieg erfahren zu haben. Doch es gibt Indizien für die vorhandene Kenntnis von den Verbrechen gegenüber Juden.

Denn: Unterstaatssekretärs Luther war 1941 Teilnehmer an der berüchtigten Wannseekonferenz gewesen, bei der die Vernichtung der Juden besprochen wurde. Es scheint deshalb äußerst fraglich, dass der Staatssekretär des AA nichts von dieser »wichtigen« Konferenz gewusst haben soll, sein Unterstaatssekretär jedoch anwesend war.

Der Gesandte Albrecht von Kessel, im Auswärtigen Amt Vertrauter von Ernst Weizsäcker, sagte 1964 in einem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren, alle höheren Beamten des Auswärtigen Amtes hätten seit 1941 gewusst, »dass die Juden planmäßig auf die eine oder andere Weise physisch ausgerottet werden sollten.«[4]

Weizsäcker jedoch nicht? Das ist nicht glaubhaft, zumal sein Unterstaatssekretär in einer Notiz vom 21.August 1942 bestätigt, seinen Vorgesetzten über diese Konferenz in Kenntnis gesetzt zu haben.[5]

Peinlich: Unser 1. Bundespräsident war Mithelfer für die NS-Diktatur!

Kein Einspruch gegen die Abschiebung nach Auschwitz

Dokumentiert ist allerdings ein Vorfall, bei dem Weizsäcker sich nicht herausreden konnte:

Bei der Deportation von französischen Juden als »Sühnemaßnahme« für Anschläge auf Wehrmachtssoldaten in Paris kam es zur Mitwirkung des AA.

Adolf Eichmann hatte 1942 vom AA eine Stellungnahme zur Deportation von französischen Juden verlangt.[6]

Die von Weizsäcker persönlich handschriftlich korrigierte Version des betreffenden Schreibens lautet:

»Seitens des Auswärtigen Amtes wird gegen die Abschiebung von insgesamt 6000 polizeilich näher charakterisierter Juden nach dem Konzentrationslager Auschwitz (Oberschlesien) kein Einspruch erhoben.«[7]

Dresden 1945: Das „deutsche Hiroshima“

Verurteilt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Am 14. April 1949 wurde Ernst von Weizsäcker wegen seiner aktiven Mitwirkung bei der Deportation französischer Juden nach Auschwitz und damit wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit (Verfolgung von Juden) vor einem Alliierten-Gericht zu 5 Jahren Haft verurteilt.

Das Gericht konstatierte, dass die Pflicht nicht dadurch erfüllt wird, dass man nichts sagt und nichts tut.[8]

Das Urteil wurde jedoch am 16. Oktober 1950 aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg im Zuge einer allgemeinen Amnestie entlassen.[9]

1950 veröffentlichte Weizsäcker seine im Gefängnis verfassten Erinnerungen[10], in denen er seine Rolle während der NS-Zeit zu rechtfertigen suchte und seine Verdienste als Mann des Widerstands hervorhob.

Am 4. August 1951 erlag Weizsäcker in einem Krankenhaus in Lindau am Bodensee den Folgen eines Schlaganfalls.

Dass sich Weizsäcker in hohem Maße schuldig gemacht hat, kann wohl vernünftiger- und gerechterweise nicht bezweifelt werden. Zwar war er kein fanatischer Nazi, hatte aber als Rad im Getriebe der bürokratischen Judenvernichtung funktioniert.[11]

Das ist schlimm genug und – nach heutigen gesellschaftspolitisch korrekten Maßgaben – nicht entschuldbar.

Das Urteil war “nicht gerecht”

In einer älteren Ausgabe des SPIEGEL  verteidigte Richard von Weizsäcker seinen Vater dennoch, Auszüge:

  • »Den zentralen innerstaatlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegenüber war er nach gewissenhafter Prüfung machtlos (…)«

Mein Kommentar: Das klingt mehr als zynisch, angesichts der Tatsache, dass Ernst von Weizsäcker ein Schreiben unterzeichnete, dass die Deportation von 6000 Menschen ins KZ Auschwitz, also in den (fast) sicheren Tod trieb.

Auf die Frage des SPIEGEL, ob Richard von Weizsäcker mit seinem Vater darüber gesprochen habe, was wohl geschehen wäre, wenn dieser gegenüber Eichmann Bedenken geäußert hätte, äußerte sich dieser ausweichend:

  • »Natürlich haben wir diese illusorische Frage mit ihm erörtert. Die konkrete Auswirkung war illusorisch (…) Ich will die Gespräche nicht wiedergeben, aber selbstverständlich hat ihn und uns diese Frage zutiefst beschäftigt, was denn sonst?«

Mein Kommentar: Aber wieso wollte er diese Gespräche nicht wiedergeben, was verschwieg er?

Richard von Weizsäcker konnte das Urteil gegen seinen Vater nicht verstehen:

  • »Das Urteil war weder historisch noch moralisch menschlich gerecht (…)«

Er argumentierte, dass sein Vater vielen Juden geholfen habe und sich auch im Widerstand gegen Hitler beteiligt habe.

Dazu die Jewishvirtuallibrary: »He claimed he had always opposed Hitler and the Nazi government. However, this is hard to believe because of his honorary rank in the SS.«[12]


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Mein Fazit:

Man mag dazu stehen, wie man will, Fakt ist, wenn sich ein Normalbürger auf diese Weise und bei diesem persönlichen Hintergrund des eigenen Vaters so geäußert hätte, würde er wohl gesellschaftliche Ächtung und vielleicht gar juristische Sanktionen erwarten dürfen.

Das war natürlich anders bei einem ehemaligen Bundespräsidenten.

 

 

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Quellen:

[1] Rolf Lindner: Freiherr Ernst Heinrich von Weizsäcker, Staatssekretär Ribbentrops von 1938 bis 1943, Lippstadt 1997; 3. Oktober 1942 an Himmler: »Hiermit melde ich den Empfang des mir vom  Reichsführer-SS verliehenen Totenkopfrings.«

[2] »Einer, dem man glaubt« von Heinrich Senfft auf der Website der Stiftung für Sozialgeschichte (http://www.stiftung-sozialgeschichte.de/index.php?selection=17&zeigebeitrag=44)

[3] Ebd.

[4] Hans-Jürgen Döscher: Verschworene Gesellschaft, Berlin 1995, S. 285

[5] Thomas Lau in Volker Reinhardt (Hrsg.): Deutsche Familien – Historische Portraits von Bismarck bis Weizsäcker, München 2005, S. 320f.

[6] DER SPIEGEL 35/2009, S. 73 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-66567975.html)

[7] Döscher, Hans-Jürgen: Das Auswärtige Amt im Dritten Reich, Diplomatie im Schatten der Endlösung; Berlin, 1987, Seite 241

[8] Robert M. W. / Haensel, Carl Kempner: Das Urteil im Wilhelmstrassenprozess, Schwäbisch Gmünd 1950, S. 276.

[9] Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main, 1998, S. 485.

[10] Ernst von Weizsäcker: Erinnerungen. (hrsg. von Richard von Weizsäcker), München/Leipzig/Freiburg 1950

Ernst von Weizsäcker: Aus seinen Gefängnisbriefen 1947-1950, Stuttgart o. J. [1955]

[11] http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/1945/438488/

[12] http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/biography/Weizsaeker.html

Quelle Foto: collections.ushmm.org/search/catalog/pa1058633 (Screenshot/Bildzitat/bearbeitet)

 

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4 Comments

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