Bild: KI-generierte Illustration

Ist Brasilien zu einem Narco-Staat geworden?

Drogenbanden, die ganze Stadtviertel kontrollieren, internationale Kokainrouten beherrschen, Milliarden über Unternehmen und Finanzdienstleister schleusen und zunehmend in Politik und legale Wirtschaft eindringen: Brasiliens organisierte Kriminalität hat eine noch nie dagewesene neue Dimension erreicht.

Vom Gefängnis auf den Kontinent

Es sind Zahlen, die aufhorchen lassen: Nach einer Erhebung der brasilianischen Strafvollzugsbehörde SENAPPEN existieren 88 kriminelle Organisationen im Land. Die mit Abstand mächtigsten unter ihnen sind das Primeiro Comando da Capital (PCC) mit rund 40.000 Mitgliedern und das Comando Vermelho (CV) mit etwa 30.000 Mitgliedern.

Zum Vergleich: Alle Mafiaorganisationen in Italien (Camorra, Cosa Nostra, Ndrangheta und kleinere) haben zusammen etwa 22.000 Mitglieder, während die 88 brasilianischen kriminellen Organisationen auf rund 150.000 Mitglieder kommen.

Das Primeiro Comando Capital und das Comando Vermelho haben ihre Wurzeln im Gefängnissystem – und beide entwickelten sich von regionalen Banden zu hochprofessionellen kriminellen Netzwerken mit internationaler Reichweite.

Das Comando Vermelho entstand in den 1970er-Jahren im Gefängnis von Ilha Grande im Bundesstaat Rio de Janeiro. Das PCC wurde 1993 in der Haftanstalt von Taubaté im Bundesstaat São Paulo gegründet. Jahrzehntelang wurden Brasiliens Gefängnisse zu Rekrutierungs- und Vernetzungszentren des organisierten Verbrechens.

Ein paradoxer Effekt trat hinzu: Die Verlegung führender Bandenmitglieder in andere Bundesstaaten und später in Bundesgefängnisse sollte die Organisationen eigentlich schwächen. Tatsächlich förderte sie teilweise den Austausch zwischen Kriminellen verschiedener Regionen. Netzwerke entstanden, Kontakte wurden geknüpft und Organisationsmodelle weitergegeben. Aus Gefängnisbanden wurden schließlich landesweit operierende Organisationen.

Der Kampf um das weiße Gold

Brasiliens Geografie bietet für Kriminelle geradezu ideale Voraussetzungen. Das Land besitzt rund 17.000 Kilometer Landgrenze und grenzt an zehn Staaten (inkl. Französisch-Guayana). Darunter befinden sich mit Kolumbien, Peru und Bolivien drei der wichtigsten Kokainproduzenten der Welt. Brasilien ist deshalb gleichzeitig Absatzmarkt, Transitland, Lagerplatz und Exportdrehscheibe für Kokain. Das ist fast einzigartig.

Besonders die Amazonasregion hat strategische Bedeutung gewonnen. Der Bericht Cartografias da Violência na Amazônia 2025 beschreibt die Pan-Amazonasregion als einen der wichtigsten Räume für Produktion, Verarbeitung und Transport von Kokain. Die gewaltigen Flusssysteme funktionieren wie natürliche Transportautobahnen; schwer kontrollierbare Grenzen und riesige Waldgebiete erschweren die staatliche Überwachung.

Das Comando Vermelho besitzt dabei eine starke Stellung auf den Flussrouten, insbesondere entlang des Solimões. Über diese Verbindungen gelangt Kokain aus Peru und Kolumbien in das brasilianische Hinterland und weiter zu wichtigen Hafenstädten wie Manaus, Santarém, Barcarena, Belém und Macapá.

Das PCC verfolgt dagegen seit Jahren eine immer stärkere Internationalisierung seines Geschäftsmodells. Schon seit den 1990er-Jahren nutzte die Organisation die sogenannte Rota Caipira: Kokain gelangte aus Bolivien über Mato Grosso do Sul ins Landesinnere und schließlich zum Hafen von Santos, von wo aus es nach Übersee verschifft werden konnte.

Brasilianische Geheimdienstinformationen zeigen inzwischen Kooperationen brasilianischer Organisationen mit ausländischen Gruppen. Kokain aus Kolumbien wird über Brasilien nicht nur für den heimischen Markt transportiert, sondern auch weiter nach Europa und Afrika.

Aus dem nationalen Drogengeschäft ist somit ein transnationales Milliardenbusiness geworden.

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Sie kontrollieren Territorien

Doch der entscheidende Unterschied zu gewöhnlicher organisierter Kriminalität besteht darin, dass einige brasilianische Gruppen nicht nur illegale Geschäfte betreiben. Sie üben in bestimmten Gebieten auch territoriale Herrschaft aus.

In den von ihnen dominierten Stadtvierteln kontrollieren kriminelle Gruppen teilweise, wer ein Gebiet betreten darf, stellen eigene Regeln auf und bestrafen deren Verletzung. In manchen Regionen greifen kriminelle Organisationen außerdem auf legale oder halblegale Wirtschaftsbereiche und Dienstleistungen zu. Hier beginnt die Grenze zwischen gewöhnlichem Verbrechen und einer Art Parallelstaat zu verschwimmen.

Das Verbrechen zieht in die legale Wirtschaft ein

Doch das organisierte Verbrechen beschränkt sich längst nicht mehr auf Favelas, Gefängnisse und Schmuggelrouten.

Wie weit diese Entwicklung fortgeschritten ist, zeigte die Operation Carbono Oculto. Rund 1400 Einsatzkräfte gingen gegen etwa 350 Ziele in zehn brasilianischen Bundesstaaten vor. Im Zentrum der Ermittlungen stand der Verdacht, dass ein mit dem PCC verbundenes Netzwerk Teile der Kraftstoffwirtschaft und Finanzstrukturen zur Verschleierung gigantischer Geldströme benutzt habe.

Die Ermittlungen reichten von Importeuren und Kraftstoffhändlern über Tankstellen bis zu Zahlungsdienstleistern, Investmentfonds und Unternehmen im Umfeld der Avenida Faria Lima, dem berühmtesten Finanzzentrum São Paulos.

Nach Angaben der Ermittler bewegten die untersuchten Strukturen Milliardenbeträge. Allein eine untersuchte Zahlungsinstitution soll verdächtige Transaktionen von 17,7 Milliarden Real (etwa drei Milliarden Euro) registriert haben. Andere Ermittlungsstränge gingen für den untersuchten Zeitraum von noch erheblich höheren Geldbewegungen innerhalb des gesamten Netzwerkes aus.

Die großen Verbrechersyndikate in Brasilien können demnach Firmen kontrollieren, Warenströme manipulieren, Steuern hinterziehen, Geld über Finanzdienstleister bewegen und illegale Gewinne in scheinbar legales Vermögen verwandeln.

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Wenn das Verbrechen die Politik erreicht

Noch gefährlicher wird es, wenn diese finanzielle Macht politischen Einfluss erzeugt. Forscher der Universität São Paulo weisen auf Hinweise und Ermittlungen zur Einflussnahme krimineller Gruppen bei Kommunalwahlen hin – etwa durch Unterstützung von Kandidaten oder Einfluss auf öffentliche Ausschreibungen.

Damit geht es nicht mehr allein um die Frage, wie viele Tonnen Kokain beschlagnahmt werden oder wie viele Mitglieder einer Bande die Polizei verhaftet. Es geht um die Frage, ob kriminelles Kapital politische Entscheidungen kaufen oder beeinflussen kann.

2019 stieß die brasilianische Bundespolizei bei der Operação Cravada auf ein brisantes abgehörtes Gespräch. Das PCC-Mitglied Alexsandro Roberto Pereira (»Elias«) erklärte darin über die Arbeiterpartei PT, in der Präsident Lula Ehrenpräsident und Mitbegründer ist: »Die PT hatte einen verdammt engen Draht zu uns«. Allerdings wurde diese behauptete Verbindung im Rahmen der Operation nicht weiter untersucht und nicht als institutionelle Zusammenarbeit zwischen PT und PCC nachgewiesen.

Konkreter sind Fälle beim Comando Vermelho (CV). 2025 klagte die Bundesstaatsanwaltschaft Politiker in Cabedelo wegen eines Systems aus Stimmenkauf, Einschüchterung und Zusammenarbeit mit einer dem CV zugerechneten Gruppierung an; das Oberste Wahlgericht Brasiliens (TSE) bestätigte 2026 die Absetzung des Bürgermeisters. In Rio untersucht der Oberste Gerichtshof zudem Verbindungen des CV zu staatlichen Funktionsträgern: Im März 2026 wurden 15 Personen in Untersuchungshaft genommen, darunter Polizeiangehörige und ein ehemaliger Staatssekretär; Ermittler verdächtigen Teile des Netzwerks, als bewaffnete und politische Arme des Comando Vermelho fungiert zu haben.

Der brasilianische Sicherheitsexperte Rafael Alcadipani warnte vor Verbindungen beziehungsweise Einflussversuchen des organisierten Verbrechens in staatlichen Institutionen und erklärte drastisch: »Wir sind noch kein Narco-Staat, aber wir bewegen uns mit großen Schritten darauf zu«.

Für Vargas stellt das organisierte Verbrechen inzwischen eine der größten Gefahren für die brasilianische Demokratie dar.

Ist Brasilien schon ein Narco-Staat?

Der Begriff ist wissenschaftlich nicht eindeutig definiert. Im engeren Sinne müsste das organisierte Drogenverbrechen den Staatsapparat soweit unterwandert oder übernommen haben, dass staatliche Institutionen wesentlich im Interesse der Drogenwirtschaft funktionieren.

Das Land besitzt aber weiterhin »funktionierende« staatliche Institutionen, Gerichte, Polizei, Staatsanwaltschaften, Steuerbehörden und demokratische Wahlen. Doch Korruption stellt ein erhebliches Problem dar und spielt den Kriminellen in die Hände: Im Korruptionswahrnehmungsindex 2025 erreichte Brasilien lediglich 35 von 100 Punkten und Rang 107 von 182 Staaten und Territorien.

Noch etwas spricht gegen den klassischen Begriff »Narco-Staat«: Die großen brasilianischen Organisationen sind längst keine reinen Drogenkartelle mehr. Ihre Einnahmequellen haben sich diversifiziert. Drogengeschäfte bleiben zentral, daneben treten jedoch Geldwäsche, Waffenhandel, Raub, Erpressung sowie die Infiltration legaler Wirtschaftsbereiche.

Wenn kriminelle Organisationen Territorien kontrollieren, eigene Regeln durchsetzen, internationale Handelswege beherrschen, Milliarden in die legale Wirtschaft einschleusen und versuchen, Einfluss auf Politik und staatliche Institutionen zu gewinnen, dann haben sie längst eine Machtposition erreicht, die weit über gewöhnliche Kriminalität hinausgeht.

Vielleicht beschreibt deshalb der Begriff »Mafia-Staat in Entstehung« die Gefahr sogar besser als der klassische Begriff »Narco-Staat«.

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Quellen:

Abbildung: ChatGPT

Camilla Veras Mota: O Brasil está à beira de se tornar um narcoestado? BBC News Brasil, 11.11.2025; Zweitveröffentlichung: O Povo, online: https://www.opovo.com.br/agencia/bbc/2025/11/11/o-brasil-esta-a-beira-de-se-tornar-um-narcoestado.html

Fórum Brasileiro de Segurança Pública: Cartografias da Violência na Amazônia, 4. Aufl., 2025, Executive Summary, online: https://forumseguranca.org.br/wp-content/uploads/2025/11/cartografias-violencia-amazonia-2025-sumario-executivo.pdf

Instituto de Pesquisa Econômica Aplicada (IPEA): Atlas da Violência 2025 – Retrato dos Municípios Brasileiros, Brasília 2025.

Agência Brasileira de Inteligência (ABIN), Berichte zur grenzüberschreitenden organisierten Kriminalität, zusammengefasst u.a. bei CNN-Brasil: Abin aponta crescimento do CV e PCC na fronteira com Colômbia em sete anos, 29.10.2025.

UK Home Office: Country policy and information note: Organised criminal groups, Brazil, März 2025.

Operação Carbono Oculto, Berichterstattung zur gemeinsamen Operation von Receita Federal, Ministério Público und weiteren Behörden, 28.08.2025.

UOL/Estadão: Maior operação contra crime organizado no País atinge Faria Lima e setor de combustíveis, 28.08.2025.

Leandro Prazeres: Como PCC usa a Faria Lima para lucrar bilhões, segundo investigações da Receita e a PF, BBC News Brasil, 28.08.2025; Zweitveröffentlichung O Povo.

Universidade de São Paulo, Instituto de Estudos Avançados: Especialistas discutem influência das facções criminosas na política, 16.07.2025.

UOL: “Caminhamos a passos largo pra virar narcoestado”, afirma professor da FGV, 28.08.2025.

Congresso Nacional, Comissão Mista de Controle das Atividades de Inteligência (CCAI): Relatório de Atividades 2025, Brasília 2025.

Fórum Brasileiro de Segurança Pública: Cartografias da Violência na Amazônia 2025, a.a.O.

https://www.bbc.com/portuguese/articles/c867yv06vgeo

https://www.bbc.com/portuguese/topics/c8y94y36nw6t

https://www.bbc.com/portuguese/articles/cwywnrp902ko

https://www.bbc.com/portuguese/articles/c3r4e3g87e2o

https://www.bbc.com/portuguese/articles/cvgknnjgmrxo

https://www.bbc.com/portuguese/articles/cp89d9dvnyno

https://www1.folha.uol.com.br/amp/cotidiano/2019/08/integrante-do-pcc-diz-que-faccao-criminosa-tinha-dialogo-cabuloso-com-o-pt.shtml

https://www.mpf.mp.br/o-mpf/unidades/pr-pb/noticias/mpf-denuncia-prefeito-ex-prefeito-e-vereador-de-cabedelo-pb-por-coacao-eleitoral-e-ligacao-com-faccao

https://transparenciainternacional.org.br/posts/brasil-repete-pior-posicao-e-segunda-pior-nota-no-indice-de-percepcao-da-corrupcao/

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