Die Cancel Culture kennt keine Grenzen mehr. Ein »unguter« Deutscher soll schuld daran sein, dass indigene Stämme Schreckliches erleiden mussten.
Auch das Indianerleiden wird jetzt zum deutschen Problem
Ausgerechnet ein Deutscher soll jetzt schuld am Indianerleiden sein. Das jedenfalls behaupten eifrige Lösch- und Zensur-Aktivisten des Cancel-Culture-Irrsinns. So wird die traurige und grausame Geschichte der indigenen Völker plötzlich auch ein deutsches Problem.
Auslöser der Vorwürfe ist Carl Schurz (1829-1906), der Ende der 1840er Jahre ein radikaldemokratischer deutscher Revolutionär war und nach seiner Auswanderung in die USA dort als Politiker agierte. Von 1877 bis 1881 war er unter Präsident Rutherford B. Hayes außerdem Innenminister der Vereinigten Staaten.
Schurz machte sich um die rasche Beendigung der Wirren nach dem Sezessionskrieg in den Südstaaten verdient und leitete einen Wandel in der Indianerpolitik der USA ein. Diese wurden auf seine Veranlassung nämlich einer zivilen und nicht mehr der militärischen Verwaltung untergeordnet. Viele Straßen sind nach ihm benannt wurden, auch eine Sporthalle, eine Kaserne und ein Gymnasium. In den USA wurde Schurz ebenfalls vielfach geehrt.
Doch damit soll jetzt Schluss sein. Denn Cancel-Culture-Anmaßer, die es verabscheuen, dass Geschichte »mit den Augen der Weißen« und dem »westlichen Blick« betrachtet wird, »entsetzen« sich daran, dass Carl Schurz, der »weiße« Deutsche, weiterhin »positiv« gesehen wird.
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Problematischer Versuch der »Zivilisierung«
Der Schriftsteller Uwe Timm schrieb in dem von Frank-Walter Steinmeier herausgegebenen Sammelband »Wegbereiter der Demokratie« über Carl Schurz (Hervorhebungen durch mich):
»Er bemühte sich um die Gleichstellung der Afroamerikaner. Hinzu kommt der im Sinne der Aufklärung zu verstehende, aus heutiger Sicht problematische Versuch, die Indianer sesshaft zu machen, sie zu ‚zivilisieren‘. Er wies ihnen wie sein Vorgänger Reservate zu, entzog aber dem Kriegsministerium die Zuständigkeit für diese und unterstellte sie der zivilen Verwaltung«.
Schurz selbst schrieb über seine Reise durch den Süden:
»Im Jahr 1885 (…) fand ich eine wunderbare Veränderung. Die Menschen, Weiße und Schwarze, arbeiteten ernsthaft und mit erstaunlichen Ergebnissen. Ich fand die Union in einem neuen Patriotismus wirklich wiederhergestellt. Es war in der Tat ein neuer Süden. Ich erkundigte mich sorgfältig nach den Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen. Ich stellte fest, dass die Freundschaft zwischen ihnen stetig wuchs und zu positiven Ergebnissen führte«.
Das lassen die Cancel-Culture-Hysteriker jedoch nicht gelten:
»An die Stelle der Kritik an Versklavung und rassistischer Unterdrückung trat hier die Verharmlosung des Systems der Rassentrennung, das bis in die 1960er-Jahre Afroamerikaner:innen gewaltsam in Armut und Rechtlosigkeit niederhielt und dem Schurz selbst politisch den Weg bereitet hatte«.
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„War denn Rommel mit dem Teufel im Bunde?“
(Britische Generäle)
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»Rassistische Anmaßung«
Die Vorwürfe kommen aber auch von anderer Seite, denn Schurz wird in seiner Zeit als US-Innenminister zudem vorgeworfen, die Zerstörung der indianischen Kultur durch Umerziehung der Kinder in staatlichen Schulen befördert zu haben.
In Schurz’ Amtszeit gründete das Innenministerium 1879 die Carlisle Indian Industrial School in Pennsylvania. In dieser Schule wurden junge Indigene fernab von Eltern und Familie in die Zivilisation eingeführt. Ihre Haare wurden abgeschnitten, ihre Stammessprache und nichtchristliche religiöse Praktiken verboten. Schurz machte aus der Sicht der heutigen Tugendwächter den Fehler, das Internat zu bewerben:
»Das wilde Aussehen der Indianerjungen und -mädchen weicht schnell einem gepflegten Erscheinungsbild. Eine neue Intelligenz, die ihre Gesichter erhellt, verwandelt ihren Ausdruck«.
Das ist aus der Sicht der Tugendwächter nichts Anderes als eine »rassistische Anmaßung«.
US-Innenministerin Deb Haaland beauftragte die Federal Boarding School Initiative einen Bericht zur jahrzehntelangen Zwangsverschickung indigener Kinder und deren Umerziehung in staatlichen Internaten zu erarbeiten. Haaland, die die erste indigene Innenministerin, schrieb nach Fertigstellung der Studie:
»Dieser Versuch, die Identität, Sprache und Kultur der Native Americans auszulöschen, zeigt sich nach wie vor in den Ungleichheiten, mit denen unsere Gemeinschaften konfrontiert sind. Dazu gehören langanhaltende generationenübergreifende Traumata, Zyklen der Gewalt und des Missbrauchs, Verschwinden, vorzeitige Todesfälle und weitere nicht dokumentierte physische und psychische Auswirkungen«.
Der oft geehrte und verehrte »Deutsche«, Carl Schurz, soll, im wahrsten Sinne des Wortes, jetzt vom Sockel gestoßen werden.
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Quellen:
Hans L. Trefousse: Schurz and the Indians. In: Great Plains Quarterly. Band 4, Nr. 2, Frühjahr 1984, S. 109ff.
http://www.wisoveg.de/euskirchen/hkalender/692schurz.html
https://artsandletters.org/?s=Carl+Schurz&restype=all
https://geschichtedergegenwart.ch/jenseits-der-legende-vom-guten-deutschen-carl-schurz-in-den-usa/
https://geschichtedergegenwart.ch/jenseits-der-legende-vom-guten-deutschen-carl-schurz-in-den-usa/
https://archive.org/details/speechescorrespo02schu/page/278/mode/2up
https://archive.org/details/carlschurzpapers05bancrich/page/72/mode/2up
https://archive.org/details/speechescorrespo04schu/page/133/mode/2up
