Hunderttausende Tote und zwei durch Atombomben verwüstete Städte – und dennoch soll es „keinen Zweifel“ daran geben, dass dies richtig war? Der israelische Rabbiner Oury Amos Cherki rechtfertigt die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki mit dem Schutz der eigenen Soldaten. Gerade diese Argumentation ist moralisch jedoch höchst problematisch.
„Die Amerikaner haben richtig gehandelt“
In einem Beitrag von Israel Heute über die Frage, wie weit eine Armee zum Schutz gegnerischer Zivilisten das Leben der eigenen Soldaten riskieren muss, zieht Rabbiner Oury Amos Cherki einen drastischen historischen Vergleich.
Die Amerikaner hätten 1945, so seine Argumentation, vor zwei Möglichkeiten gestanden: Japan mit konventionellen Mitteln zur Kapitulation zu zwingen und dabei sehr viele eigene Soldaten zu gefährden – oder durch den Einsatz der beiden Atombomben Hunderttausende Menschen zu töten und dadurch den Krieg zu beenden.
Cherkis Urteil darüber ist eindeutig:
„Meiner Ansicht nach besteht kein Zweifel daran, dass die Amerikaner richtig gehandelt haben.“
Kein Zweifel?
Gerade bei Hiroshima und Nagasaki?
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Darf man Zivilisten töten, um eigene Soldaten zu retten?
Die Argumentation des Rabbiners läuft auf einen erschreckenden Grundsatz hinaus: Wenn sich durch die massenhafte Tötung gegnerischer Zivilisten das Leben eigener Soldaten retten lässt, kann diese Tötung gerechtfertigt sein.
Doch wo endet eine solche Logik?
Darf man 50.000 Zivilisten töten, um 10.000 eigene Soldaten zu retten? 100.000, um 50.000 zu retten? Eine ganze Stadt vernichten?
Genau das ist das moralische Problem einer solchen Kosten-Nutzen-Rechnung: Der einzelne Zivilist wird letztlich zu einer verrechenbaren Größe, sobald sein Tod möglicherweise das Leben eines eigenen Soldaten rettet.
Frauen und Kinder waren keine japanischen Soldaten
Am 6. August 1945 explodierte die erste Atombombe über Hiroshima. Drei Tage später wurde Nagasaki von einer zweiten Atombombe getroffen.
Die Opfer waren keineswegs nur Soldaten. Zehntausende Frauen, Kinder und alte Menschen wurden verbrannt, zerquetscht oder durch die Druckwelle getötet. Andere starben später an ihren Verletzungen oder den Folgen der radioaktiven Strahlung.
Die maßgebliche japanisch-amerikanische Radiation Effects Research Foundation (RERF) nennt für die ersten zwei bis vier Monate nach den Bombenabwürfen folgende Schätzungen:
- Hiroshima: 90.000–166.000 Tote
- Nagasaki: 60.000–80.000 Tote
- zusammen: 150.000–246.000 Tote
Man kann die militärische Situation der USA im Sommer 1945 analysieren. Man kann über die zu erwartenden Opfer einer Invasion Japans diskutieren. Man kann sogar zu dem Ergebnis gelangen, dass Präsident Harry Truman keine bessere Alternative gesehen habe.
Aber zu behaupten, an der Richtigkeit der Vernichtung zweier Städte könne „kein Zweifel“ bestehen, ist etwas völlig anderes.
Gerade Nagasaki macht das „kein Zweifel“ unerträglich
Besonders problematisch ist der zweite Atombombenabwurf.
Zwischen Hiroshima und Nagasaki lagen lediglich drei Tage. In dieser kurzen Zeit trat auch die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan ein und veränderte damit die strategische Lage fundamental.
Trotzdem fiel bereits am 9. August die zweite Bombe.
Ob diese zweite Vernichtung einer Stadt tatsächlich notwendig war, ist bis heute Gegenstand historischer Kontroversen.
Allein deshalb ist Cherkis Formulierung eines angeblich zweifelsfrei „richtigen“ Handelns kaum haltbar.
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Eine gefährliche moralische Grenze
Selbstverständlich hat jeder Staat die Pflicht, das Leben seiner Soldaten zu schützen. Aber daraus folgt nicht das Recht, gegnerische Zivilisten in beliebiger Zahl zu opfern.
Genau diese Grenze droht zu verschwimmen, wenn Hiroshima und Nagasaki zum positiven Beispiel dafür erklärt werden, wie ein Staat seine eigenen Soldaten schützen sollte.
Wer jedoch angesichts verbrannter Kinder, ausgelöschter Familien und Zehntausender ziviler Opfer erklärt, es bestehe „kein Zweifel“, dass dies „richtig“ gewesen sei, macht aus einer der umstrittensten Entscheidungen der Kriegsgeschichte eine moralische Selbstverständlichkeit.
Und genau das ist das eigentlich Erschreckende an dieser Aussage- und das ausgerechnet von einem Geistlichen, dessen Volk den Holocaust erlebt hat.
Quellen:
Bild: KI-generiert/ChatGPT
https://www.rerf.or.jp/en/faq/
